Als Twitter aufhörte individuell zu sein und anfing zu kopieren

Im Frühjahr 2014 führte Twitter einige Design-Änderungen durch und passte sich optisch an andere soziale Netzwerke an. Wieso das so enttäuscht und letztendlich nur eine weitere Auswirkung eines großen Prozesses ist.

Ich muss in diesem Blogpost recht persönlich werden und den Ton direkt vorwegnehmen: Ich bin sauer auf Twitter.

Wenn das jetzt ziemlich kindisch wirkt, möchte ich mich erklären. Ausgangspunkt meiner Misere ist das neue Twitter Profildesign, das eine kleine Gruppe User (unter anderem ich) letzte Woche zu Gesicht bekamen.

Hier ein Screenshot unseres Twitterprofils im Vorher/Nachher Vergleich:

vorher

Die Unterschiede springen jedem deutlich ins Auge: mehr Bilder, größere Schrift, Chronik statt Feed. Man muss wahrlich kein Social Media Manager sein, um die frappierenden Ähnlichkeiten zu Facebook und Google+ zu erkennen.

  nachher

Und das ist der Aspekt, der mir so missfällt. Es ist nicht, dass Twitter mal wieder eine Aktualisierung klammheimlich durchgesetzt hat und Veränderung allgemein dafür bekannt ist, von Internetnutzern nicht gut aufgenommen zu werden. Es ist nicht der Versuch sich stets zu verbessern und Neues auszuprobieren, um dem Nutzer die bestmögliche Arbeitsoberfläche bieten zu können. Es ist die erschreckende Homogenisierung des Internets (“Twinstabookgram”), durch die, im schlimmsten Fall, in ein paar Jahren jedes Netzwerk aussieht wie das andere.

Twitter ist für mich ein individuelles Konzept, das das erste seiner Art war und bis heute unübertroffen bleibt. Verzeiht man etwa Google+, dass es sich am Erfolg und Schema von Facebook orientiert und betrachtet man, zugegebenermaßen etwas schadenfreudig, dass sein Erfolg recht mäßig ist, so ist es eine unverständliche Sache, dass Twitter sich an diesen zwei Netzwerken orientiert. Weder Google+ noch Facebook wird eine rosige Zukunft vorhergesagt, über Twitter habe ich schwarzmalende Voraussagungen selten gelesen. Man könnte jetzt argumentieren, dass es Twitter frei steht Aspekte von Google+/Facebook zu kopieren, da es andersherum auch schon geschehen ist (siehe Hashtag) und dass Twitter sich doch die besten Schnipsel aus dem ganzen Internet zu einem großen und wundervollen Ganzen zusammenbasteln kann. Doch war die Einführung der Facebook Chronik ein so großer Erfolgsschritt? Sagten sich die Leute wie großartig sie es finden, dass sie nun Grafiken im Vordergrund haben und große Schriften leichter lesen können? So wie ich es mitbekommen habe, sind Facebook User (nach dem oben schon angesprochenen anfänglichen Shitstorm) recht neutral eingestellt angesichts der Chronik.

Ein wichtiger Punkt, der für mich eine absolute Trennung zwischen Twitter und Google+/Facebook darstellt, ist die Fokussierung auf das geschriebene Wort. Wenn bei Facebook hochgeladene Fotos zu viel Interaktion führen, weil es sich meistens um private Fotos oder lustige Funde aus dem Netz handelt, ist ein visuelles Design mit großen Bildern verständlich und wenn bei Google+ meist lange Artikel verfasst werden, lassen diese sich durch größere Schriften auch besser lesen. Doch bei Twitter geht es um kurze 140 Zeichen und die meisten davon bilden Worte. Das neue Design zieht einzelne Tweets weit auseinander und verlangt vom Profilbesucher viel Scrolling-Arbeit, wenn er mehrere Tweets sehen will. Komme ich auf ein Profil, so möchte ich mir gerne schnell einen Überblick verschaffen können, über was die betroffene Person twittert, doch “schnell” ist bei diesem Design nicht drin.
Wie man auf dem Screenshot oben sehen kann, befindet sich auf jedem Profil nun auch das Datum, an dem der User Twitter beigetreten ist. So lassen sich sicherlich die alten Hasen von den Newbies unterscheiden, weiter schlimm ist es meiner Meinung nicht.
Schade jedoch ist die Unterteilung zwischen Tweets / Tweets und Antworten, dank der man erst mit einem geschulten Auge und zusätzlichen Klick wirklich “alle” Tweets eines Users sehen kann (für mich zählen auch Antworten zu Tweets, aber gut), sowie das Fehlen der Möglichkeit einen Tweet im Profil aufzufächern, um vorhergegangene Beiträge zu sehen. Im neuen Design öffnet sich eine neue Seite, auf der der Tweet samt Antworten dargestellt wird. Auch Nutzer, die sich viel Mühe bei der Erstellung ihres Hintergrundes gegeben haben, werden enttäuscht sein: er erscheint nur nur zum eigenen Genuss auf der Startseite, nichtmehr jedoch im Profil.

Fazit:

So gesehen habe ich nicht nur Probleme mit der konnotativen Bedeutung des neuen Designs, sondern auch mit dem Design selbst. Letzteres könnte ich durch Gewöhnung und Zeit verzeihen, ersteres wird für mich immer den Zeitpunkt markieren, an dem Twitter aufhörte individuell zu sein und anfing andere blind zu kopieren.

 

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Jasmin Kind

Jasmin steckt mit der Nase tief in den Weiten der Marketing Welt und interessiert sich bei APTLY für Alles, was mit Text, Bild und Kommunikationskonzepten zu tun hat.

2 Kommentare zu “Als Twitter aufhörte individuell zu sein und anfing zu kopieren”:

  1. Es ist wirklich schade, dass diese nicht mit ihren eigenen Ideen punkten, sondern sich lieber als „Kopie“ präsentieren. Das ist einfach schade, früher wäre so etwas niemals passiert.

    • „Früher“ gemeint als die Zeit, in der die großen sozialen Netzwerke noch mehr ihr eigenes Ding durchgezogen haben?

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